Heute ist ein wunderschöner Ferientag! Ich bin sieben Jahre alt und stehe am Eingang zu unserem neuen Schwimmbad. Die flotte Musik mischt sich mit dem Lachen der Badegäste und dem Quietschen der Kinder. In der Mittagssonne riecht alles irgendwie neu. Ich bin ein wenig aufgeregt und atme tief ein. Auf geht’s, zum Kinderbecken.

Ganz alleine suche ich mir meinen Liegeplatz aus. Es ist ein schöner Platz, direkt vor der Einstiegstreppe. Da kommen alle vorbei und ich kann alles richtig gut überblicken. Vorher muss ich aber noch durchs Brausebecken. Geschafft! Jetzt noch mein Handtuch ausbreiten, schön alles zurechtlegen – und dann warten. Worauf? Heute Mittag gab es meine geliebten gefüllten Paprika. Und nach dem Essen muss jeder eine Stunde warten, bevor er ins Wasser geht – also auch ich.

Während ich gehorsam auf meinem Handtuch sitze und mich gleichzeitig frei und pudelwohl fühle, sehe ich, wie ein Junge zögerlich über die Treppe ins Wasser watet. Er ist ca. zwölf Jahre alt und ganz dünn und blass. Hat er hoffentlich auch eine Stunde nach dem Essen gewartet? 

Wie schüchtern er wirkt! Und wie er bei jedem Wasserspritzer, der ihn trifft, zusammenzuckt als würde ihm das Wasser Schmerzen verursachen. Was er wohl denkt? Schnell wird mir klar: Er kann nicht schwimmen. Und als er mich hilflos anschaut, weiß ich ganz genau: dem werde ich heute das Schwimmen lehren! Auch wenn ich es selbst erst seit ein paar Tagen kann. Aber wie viele Kinder habe ich vor der Eröffnung des Freibads schon im nahen Schwarzbach geübt. Ich bin also quasi schon Expertin.

Ganz selbstverständlich und ungefragt mache ich mich an die Arbeit. „Stell dich ins Wasser, gehe mit deinen Füßen ganz normal am Boden und tu mit den Armen so, als würdest du schwimmen. Du wirst sehen, wie leicht das ist!“, höre ich mich sagen. Das ist eine Übung aus meiner Trainingszeit im Schwarzbach. Einfach, aber wirkungsvoll. Und es kann nichts dabei schief gehen. Für den Jungen ist es scheinbar gar nichts Besonderes, zu tun, was die siebenjährige Juliane sagt. Und für mich ist es ein herrliches Gefühl: Ich kann die Zeit gut nutzen, statt nur dazusitzen und zu warten, bis ich endlich selbst ins Wasser gehen darf. Schritt für Schritt zeige ich dem Jungen alles vor. Wir machen die gleichen Übungen – er im Kinderbecken, ich draußen.

Ich kann es fast nicht glauben – er tut was ich sage. Und ich bin in meinem Element, schau weder nach rechts noch nach links, konzentriere mich ganz auf den fremden Jungen und weiß: Er wird schwimmen!

So, jetzt kommt die Unterwasserübung. Ich wage mich einen Schritt näher ans Wasser, gebe ihm genaue Anweisungen und fühle mich gut, wie ich hier am Beckenrand stehe, an einem Platz, von dem aus ich den Jungen im Ernstfall retten könnte.

Der Junge übt und macht Fortschritte bis er auf einmal ganz fröhlich pritschelt – und schwimmt! Er strahlt übers ganze Gesicht. Und ich, ich strahle auch. Wir haben es geschafft!

„Wie ist das gegangen? Wie habe ich das nur gemacht?“, frage ich mich. Ich habe ihn weder gehalten, noch sonst irgendwie körperlich berührt. Ich weiß nur, er hat mir vertraut und daran geglaubt, dass er es schafft. Und ich war felsenfest davon überzeugt, dass ich es ihm beibringen kann.

In diesem Moment bin ich ganz erfüllt von einem Gefühl, das die Großen „Erfolg“ nennen. Ich fühle mich quietschlebendig und spüre zugleich ein Gefühl der Ruhe und Selbstverständlichkeit. Irgendwie scheint mir in diesem Augenblick alles möglich zu sein. Vielleicht könnte ich sogar Schwimmtrainerin werden?