Coaching im Flascherl

Es ist kurz vor Ostern, und mein Telefon klingelt, ich geh dran.
„Juliane Müller. Trainings und Coachings, guten Morgen.“
Am anderen Ende höre ich die weibliche Stimme einer älteren Frau, eindeutig irgendwo aus dem ländlichen Raum Salzburgs.*
„Sind sie die Frau Müller, die Frau Müller aus der Zeitung? Die, bei der’s Coachings gibt?“

„Ja“ antworte ich, „sie sprechen mit Juliane Müller.“
Merklich zufrieden, direkt mit der richtigen Ansprechpartnerin verbunden zu sein, legt sie los – mit ihrer Bestellung.
„Also, dann möchte ich gerne drei Flascherl.“
„Drei Flascherl von was?“, frage ich leicht verwirrt.
„Ja von dem Coaching, eben wegen der Prüfungsangt. Für jeden meiner drei Enkelkinder eins, die sind jetzt zehn, zwölf und sechzehn Jahre alt. Ich will zu Ostern bei Ihnen jeweils ein eigenes Flascherl vom Coaching bestellen. Die Idee kommt mir jetzt grad g’recht, weil ich weiß eh schon nimma, was ich den Enkerln jedes Jahr schenken soll. Jetzt hoff ich nur, dass ich mir des leisten kann. Hab g’hört, dass Coaching oft unverschämt teuer ist, aber wenn’s hilft.“
Kurze Pause. Zu kurz. Ich setze grad an, aber die Dame redet weiter, wie ein Wasserfall.
„Gibt’s das eh auch mit verschiedenen Geschmäckern? Hab zwar keine Ahnung was des is, aber ich wär gern wenigstens mim Geschmack auf der sicheren Seite. Net dass ich des teuere Coaching umasonst kauf, und dann schmeckts ihnen nicht“.
Ich verstehe nur Bahnhof und zugleich schwant mir was.
„Äh… „, weiter komme ich nicht.
„Und wie viele Tropfen nimmt man von denen? Weil brauchen tun sie´s nicht jeden Tag, da ham ma eh die Notfalltropfen. Mei Tochter die darf nichts wissen davon, dass ich mich so kümmer um die Enkerl, aber mich interessiert halt einfach, wie ma sich´s Leben leichter machen kann. Ich nehm ja auch die kleinen hellblauen Tabletterl und fühl mich richtig gut seitdem. Ich brauch kein Coachingflascherl. Oder hättens dann an Sonderpreis für mich? Dann tät ich´s auch probiern, wegen meim Hirn, weil ich les immer wieder, dass ma sein Gehirn trainieren soll, man soll offen sein für Neues“.
Ruhe.
„Es tut mir leid“, fange ich an und muss den Geschenketraum der Oma platzen lassen. Voll und ganz enttäuscht verabschiedet sie sich. „Schad“, höre ich sie noch murmeln.
Aber sie hat mich auf eine Idee gebracht.
„Emmi“, sage ich zu meiner Assistentin, „wir brauchen Coaching im Flascherl. Recht bitter muss es schmecken, am besten in hellblau. Ach ja und teuer, teuer soll’s auch sein.“

Wohl bekomms,
wünscht Juliane Müller

*Der Einfachheit halber und weil ich mich als bayrische Österreicherin mit dem niedergeschriebenen österreichischen Dialekt schwer tue, bitte ich die Sprachprofis beim Lesen der Geschichte ein Auge zuzudrücken.

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