Das Ziel ist der Weg

Auch und vor allem in unsicheren Zeiten gilt: Das Ziel ist der Weg

Kennen Sie noch „Momo“, den Roman von Michael Ende? Diese seltsame Geschichte der Zeitdiebe und dem Kind, das den Menschen die gestohlene Zeit zurückbrachte? Als ich heute Früh bei meinem täglichen Spaziergang über die Felder auf der letzten langen Gerade war – einem schier endlosen Wegstück – musste ich plötzlich an Momo denken und die Szene mit Beppo dem Straßenkehrer.

Schritt für Schritt. So kommt man auch zum Ziel.

Sie geht so: Beppo erklärt dem Mädchen Momo, wie man eine schrecklich lange Straße kehren sollte. Eine Straße, die so lang erscheint, dass man denkt, sie niemals schaffen zu können. Und deswegen beeilt man sich und eilt und eilt und ist ganz furchtbar erschöpft und strengt sich an und wird trotzdem nie fertig. Man ist aus der Puste und kann nicht mehr. Statt die ganze Straße zu sehen, sollte man lieber nur an den nächsten Schritt denken, rät Beppo. Ein Schritt, ein Atemzug, ein Besenstrich. Ein Schritt, ein Atemzug, ein Besenstrich. So macht die Arbeit Freude, weil man Zeit hat und sie gut machen kann und siehe da: Plötzlich merkt man, dass man die ganze Straße fertig gekehrt hat.

Was bleibt, wenn sogar das „Müssen“ wegbricht?

Warum mich diese Geschichte heute so berührt hat? Derzeit verlieren so viele Menschen ihre Ziele aus den Augen. Etliche von uns befinden sich gar im „freien Fall“. Sie sind herausgefallen aus dem täglichen „Ich muss das…“, „Ich muss jenes…“ Jetzt ist „müssen“ kein schönes Wort und es setzt uns oft genug unnötig unter Druck, aber wenn einem die Struktur wegfällt und da nichts mehr ist, nicht mal mehr ein Müssen, fängt man an sich zu fragen, was im Moment überhaupt noch Sinn macht. Soll man sich noch Ziele setzen, wenn man gar nicht weiß, was morgen ist? Das fängt bei dem liebevoll vorbereiteten und kurzfristig abgesagten Martinsfest im Kindergarten an und zieht sich durch alle Altersgruppen, durch unseren Alltag und unser Berufsleben.

Wir können die Dinge nicht ändern. Aber wir können unsere innere Haltung den Dingen gegenüber ändern.

Meine Antwort ist trotzdem: Ja. Ja. Ja! Wenn wir dabei offen bleiben können für all das Unvorhersehbare. Es gibt Dinge, die haben wir einfach nicht in der Hand. Was wir sehr wohl in der Hand haben und entscheiden können, ist unsere innere Haltung. Die bestimmen wir selbst. Allerdings muss man dafür so gut wie allzeit bereit und immer wachsam sein, über sich selbst, über sein Denken, Reden und Handeln. Und darüber, wie wir Dinge, Situationen, Aussagen von anderen oder von Medien verarbeiten und bewerten. Wenn es uns gelingt, ungeachtet sämtlicher äußerer Umstände, unsere innere Haltung vom „guten Leben“ zu bewahren, wird uns vieles nicht mehr so stark tangieren und belasten. Und das hat nichts mit schönreden zu tun. Um auf Momo und Beppo und das Straßenbild zurückzukommen: Es gibt den Spruch „Der Weg ist das Ziel“. Lassen sie ihn uns doch umdrehen: „Das Ziel ist der Weg“. Während es uns immer wieder gelingt, uns aus dem Zeitgeschehen herauszuheben, uns in vollem Bewusstsein auf den Moment zu konzentrieren, zeigt uns das Leben den nächsten Schritt - auch hinein ins nächste Jahr. Schritt, Atemzug Besenstrich. Schritt, Atemzug, und Besenstrich.

Herzlichst Ihre Juliane Müller

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